|
Ungewöhlich.......
von
Stephan Rykena
Das Geld war knapp im Studium, aber irgendwie musste ein Urlaub nach den
vielen Prüfungen drin sein, hatten Jana und Hans entschieden. Irgendjemand
würde schon ein Zelt oder sowas haben, was den sanften englischen Regen,
der ihnen von allen Seiten prophezeit wurde, abhalten konnte. England,
das war klar, sollte das Ziel ihres ersten gemeinsamen Urlaubs sein.
Eine Woche später keuchte der klapprige alte Käfer in Calais auf die Fähre
und die Zeltstangen klimperten leise auf dem Rücksitz.
Bei der Auswahl ihrer Standplätze auf diversen Campingplätzen machten
sie so ziemlich alle Fehler, die Camping-Neulinge so machen. Mal bauten
sie das Zelt am tiefsten Punkt des Platzes auf ("Hier hat man so schön
die Abendsonne!") und erwachten morgens auf leise plätschernden Luftmatratzen.
Dann wiederum, aus Erfahrung gelernt, bauten sie auf einem anderen Platz
auf die Hügelspitze
("Hier ist man vor Wasser sicher!") und wurden am Morgen vom Sturm geweckt,
der grimmig an den Häringen riss und Jana schließlich, beim Notabbau,
mitsamt Zelt ins Tal wehte. Wassereinbrüche und Orkanböen änderten nichts
daran, dass sie von dieser Zeit an eingeschworene Camper wurden, wobei
allerdings die Ausrüstung mit den Jahren immer perfekter wurde.
"Hast du schon gesehen, was da drüben in der Einfahrt steht?" fragte Jana
eines Tages, kurz vor der anstehenden Urlaubszeit.
"Genau so einer, der wär`s!" Natürlich hatte Hans den kleinen Wohnwagen
der Nachbarn gesehen. Sah wirklich prima aus. Und die Idee mit dem Aufstelldach
war einfach genial. "Der würde sogar in unsere Garage passen. Dann muss
der Wagen eben draußen stehen.
" Hans sah in ihre vor Begeisterung blitzenden Augen und wusste, dass
ihm sowieso kein passendes Gegenargument einfallen würde. "Aber ist der
nicht ein bisschen zu klein? Ich mein`....." "Quatsch," unterbrach ihn
Jana. "Genau richtig für uns. Wir sind doch nur noch zwei. Was sollen
wir da mit so einem Riesenteil? Das ist so`n ganz Bekannter. Name fällt
mir gerade nicht ein. Die soll`n sich auch ganz prima fahren. Merkt man
gar nicht, hab ich mal gelesen. Da gibt`s auch noch andere Größen."
Als Jana im Bett war, schlich sich Hans noch mal unter einem Vorwand aus
dem Haus. " Touring" las er und nahm sich vor, am nächsten Tag erstmal
Informationen einzuholen.
Widrige Umstände ließen alles anders kommen, als geplant. Am nächsten
Morgen rutschte Jana in der Dusche aus, brach sich kompliziert ein Bein
und musste sofort ins Krankenhaus.
Die Wohnwagenidee rückte in weite Ferne. An Urlaub war nicht zu denken,
wäre da nicht dieser Artikel in der Sonnabendausgabe der Tageszeitung
gewesen. "Schottland im Wohnmobil" stand da, eingerahmt von herrlichen
Landschaftsbildern mit Burgen, Schlössern und Whiskybrennereien.
"Abseits der Touristenpfade........". Hans liefen ganze Filme vor seinem
geistigen Auge ab. England, Wales, Schottland....... Man könnte ja mal...
Hastig blätterte er die Zeitung bis zum Anzeigenteil durch . Bei der Seite
"Fahrzeuge" hielt er an. "W" wie Wohnwagen hatte es ihm angetan. Ein Schmunzeln
erhellte sein Gesicht. "Wohnwagen, Touring , Baujahr 1975, Zustand 2,
mit Vorzelt, TÜV frei, VB 3000 DM" stand da und dann war da noch eine
Telefonnummer.
Hans kribbelte es in den Fingern. Einen Versuch war es wert, auch wenn
Jana ihn wahrscheinlich mit ihrem Gipsbein erschlagen würde. Schließlich
war das Ding schlappe 20 Jahre alt. Eine sympathische Stimme meldete sich
unter der angegebenen Nummer. "Da gibt es allerdings noch ein kleines
Problem," sagte der offensichtlich ältere Herr am anderen Ende der Leitung.
"Der Wagen ist trotz seines hervorragenden Zustandes so günstig, weil
er... nun ja, weil er grün ist. Also, - nicht die übliche Farbe, sie verstehen.
Viele wollen das nicht." Hans hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht,
warum die meisten Wohnwagen beige oder zumindest hell waren und darum
war ein grüner Wohnwagen für ihn nicht unbedingt abschreckend. Er wollte
ihn sich auf jeden Fall ansehen und da er ja sowieso gerade allein war
und Jana erst am Abend im Krankenhaus besuchen wollte, verabredete er
sich direkt für den Nachmittag mit dem Verkäufer. Der Wagen war tatsächlich
grün, oder noch besser nato-olivgrün. Matt!!!
Hans stutzte etwas, ließ sich dann aber doch alles zeigen und war begeistert.
Alles war prima in Ordnung. "Ich glaube, ich bin ihnen eine Erklärung
schuldig," sagte der alte Mann. " Ich war bis vor kurzer Zeit leidenschaftlicher
Jäger und bin viel gereist. Da ich oft im Osten war, habe ich mir gedacht,
dass eine eigene Unterkunft direkt am Jagdrevier......." Jans Lachen brachte
ihn etwas aus dem Tritt. "Also,.. dass eine eigene Unterkunft..." setzte
er wieder an. Jan klopfte ihm auf die Schulter. "Ich verstehe," unterbrach
er ihn. "Daher die Farbe. Als Tarnung. Sie haben den Wohnwagen im Wald.....?"
Der alte Mann lächelte ihn verständnisheischend an. "... und dann aus
dem Hochdach...?" "Ja, und das hat viele Käufer verschreckt", sagte er
und lächelte. "Über den Preis können wir noch reden, wenn Sie Interesse
haben." * Am frühen Abend, kurz vor der Dämmerung, platzte Hans in Janas
Krankenzimmer in der Klinik. "Kannst du mit den Krücken da zum Fenster
humpeln," fragte er aufgeregt, ohne Jana richtig zu begrüßen. "Da draußen
steht eine Überraschung." Jana sah ihn verständnislos an. "Schnell", trieb
er sie an. "Bevor es ganz dunkel wird." Jana stieß eine spitzen Schrei
aus, als sie den kleinen nato-olivgrünen Knubbel draußen an Hans` Auto
hängen sah. "Was ist das denn?" rief sie einigermaßen entsetzt.
"Woher hast du den denn?" Er lächelte sie siegessicher an. "Gerade gekauft.
Für eine Spottpreis. Wegen der Farbe!" Die Sonne ging am Horizont unter
und alles glitzerte, nur die kleine Spinatkugel nicht. Die stand, gut
getarnt vor einer hohen Eibenhecke und träumte vom Wald. Nach Janas Entlassung
aus dem Krankenhaus erwartete sie ein weitere Überraschung. Hans hatte
den kleinen Wohnwagen umlackiert. Zweifarbig. Hellgrün, dunkelgrün - glänzend.
Und reisefertig war er auch. Janas Bein heilte schnell und wohin passte
ein grüner Wohnwagen besser, als in die Schottischen Highlands. Es wurde
ein Traumurlaub und auf jedem Campingplatz waren sie die Attraktion mit
ihrem kleinen Grünen. Selbst im Stau bei Glasgow auf der Autobahn mussten
sie die Frage einiger Mit-Stauer beantworten:
"Where the hell can you get something like that?" Wo kriegt man sowas?
Stephan Rykena
|