Keine Probleme - nur Lösungenvon Stephan Rykena
Eigentlich hätte sie es ihm nach den vielen Jahren, die sie nun schon zusammen waren, ansehen müssen.
Schließlich hatte er sich schon so einiges geleistet. Er hatte wieder dieses merkwürdige Grinsen um die Mundwinkel gehabt, als er sie nach ihrer Kur in Bad Hohenheim vom Bahnhof abgeholt hatte. Und hatte sie nicht selbst immer gesagt: "Wenn man Hinnerk gewähren lässt, muss man sich immer auf was gefasst machen."
Das hatte sie nun davon. Einige von uns erinnern sich noch gut an das Superding mit Wiebke und Thea, Hinnerks Töchtern.
Wiebke hatte nämlich als Kleinkind eine Marotte, die etliche Eltern kleiner Kinder sicher gut nachvollziehen können. Sie schlief am besten beim Autofahren.
Kaum war der Motor gestartet, knackte Wiebke friedlich in ihrem Kindersitz. Das war bei längeren Touren ganz angenehm, musste man doch nicht dauernd das quäkende "Wann sind wir endlich da?" Gefrage von den billigen Plätzen ertragen, erwies sich aber als äußerst lästig, wenn man nur mal zum Einkaufen in die Stadt wollte. Schließlich konnte man den Nachwuchs nicht einfach während des Einkaufs allein im Auto lassen.
"Ist bei uns genau so", hatte Hinnerks Arbeitskollege Werner gesagt. "..und dann abends nicht ins Bett wollen. Aber ich hab jetzt die Lösung. Ich fahr abends immer mit Erwinchen einmal ums Dorf und schon schläft er."
Was bei Erwinchen klappte, ging auch in Elkes uraltem Käfer, war aber bei steigenden Benzinpreisen und wachsendem Umweltbewusstsein auf die Dauer nicht durchzuhalten. Und so sann Hinnerk, wie immer, auf eine praktische Lösung .

*

Just in der Woche, in der Elke mit den Kindern bei den Eltern war, nahm er mit zwei Freunden etliche Dachziegel vom Dach des Einfamilienhauses, löste ein paar Sparren und hievte den Käfer, der von allem Überflüssigem wie Motor, Tank usw. befreit worden war, mit Heino Krumps Bagger auf den Dachboden neben dem Kinderzimmer.
Sparren wieder angenagelt, Ziegel drauf, Isolierung ran und fertig. Einen Tag dauerte der Ausbau des Käfers zum perfekten Einschlafbett.
Sogar die Lokalzeitung berichtete darüber und Hinnerks Sprösslinge konnten sich vor Freunden nicht mehr retten.
Aber das war nun schon zwanzig Jahre her. Längst waren die Kinder aus dem Haus, der Käfer auf dem Schrott, der Boden zum Elternschlafzimmer ausgebaut, die Kinderzimmer zu Arbeitszimmern umfunktioniert. Trotzdem hätte Elke etwas ahnen können, als sie aus dem Zug stieg und Hinnerks süffisanten Gesichtsausdruck sah, als er sie zärtlich in die Arme nahm. I
m Frühjahr hatten sie mit ihrem dreiundzwanzig Jahre alten Wohnwagen die letzte Tour an die Nordsee gemacht. Moppe, so hieß der grüne ERIBA PAN, hatte das Ende seiner Lebenszeit erreicht. Der TÜV hatte dem Fahrgestell den Tod bescheinigt und die Gasanlage ließ auch Schlimmes befürchten.
"Eigentlich schade", hatten die beiden einhellig seufzend festgestellt. "Wo wir mit dem überall gewesen sind!" Und immer war das grüne Ei auf milde lächelnde Betrachter gestoßen. "Urlaub, ohne das Ding ist gar kein Urlaub!" Elke hatte den Kopf in die Hände gestützt und die Stirn gerunzelt. "Und so verrückt es klingen mag; ich schlafe in unserm Eriba immer durch und hab keine Rückenschmerzen, wie in unserm Bett." Tja und nun hatte Hinnerk Elkes vier Wochen Abwesenheit sinnvoll genutzt. Wie das mit dem Hausdach ging, wusste er noch und das Fahrgestell des Wohnwagens ließ sich ganz einfach entfernen. Die Gasanlage natürlich auch.
Sonst blieb alles, wie es gewesen war. Nur, dass Heino Krump längst tot war und folglich auch keinen Bagger mehr hatte, war ein kleines Problem, das sich aber lösen ließ. Die Gedanken über ein Urlaubsleben nach dem grüner Liebling konnten sie nun getrost beiseite schieben.
Und Elkes Durchschlaf- und Rückenprobleme waren auch gelöst.

Der GRÜNE stand nun im Schlafzimmer.